channard trifft Tronimal – 11.09.2016 | Wuppertal

In Wuppertaler Bahnhofsnähe gibt es ein kleines aber feines und vor allem wunderbares Domizil. Hinter den vier Wänden entstehen Klänge die, auf’s Jahr hochgerechnet, etliche Chiptune-Fans begeistern.

Mein Interviewpartner ist diesmal Jörg Rittershaus aka Tronimal den ich zu Hause besuche. Für die Leserinnen und Leser: das ist nämlich gar nicht soooo einfach, weil Jörg ein beachtliches Pensum an Live-Auftritten erfüllt und deswegen oft unterwegs ist. Wenn man auf seiner Homepage dem Link zu den Terminen folgt, werden derzeit alle von Mitte August bis Ende Oktober angezeigt – und das sind nicht wenige. Man kann also in etwa erahnen, wie das erste Halbjahr ausgesehen haben mag.

Ich komme später noch einmal auf die Live-Auftritte zu sprechen. Starten wir direkt ins Interview.

channard: Hallo Jörg, super cool, dass wir uns zu deinem neuen Release Roboter-Musik und „Hello_World!“ so schnell in Wuppertal treffen konnten. In der Retro-Videogames und Chiptune-Szene stolpert man oft und meines Erachtens immer öfter über den Namen Tronimal. Erzähl doch mal wie du zu dem Namen gekommen bist?

Tronimal: Zu dem Namen? Ja, ich hatte ja vorher einen anderen und den wollte ich ablegen. Tronimal basiert auf einem Zusammenschluss der Wörter Electronic & Animal und war ursprünglich der Titel einer meiner Songs.

channard: Interessant. In anderen Interviews wurde auch sehr deutlich, dass ein Künstlername nicht einfach aus einer Laune entsteht. Man macht sich schon Gedanken, man identifiziert sich mit dem Namen, man gibt ihn an die Öffentlichkeit, man tritt damit auf.

Tronimal: Ich habe ein halbes Jahr darüber nachgedacht.

channard: Es ist also nicht so, dass man erst eine Flasche Wodka trinken muss und dann hat man seinen Namen gefunden?

Tronimal: Es kann passieren. Kommt auf das Projekt an. Wenn du zum Beispiel ein Spaßprojekt am Laufen hast und dann eine Flasche Wodka säufst, dass du dann eine Idee hast die lustig ist und du die auch nimmst.

channard: Ich merke regelmäßig, dass der Bezug des Einzelnen zum Game Boy völlig unterschiedlich sein kann. Meine emotionale Bindung zu diesem Handheld ist zum Beispiel, wie für die meisten auch, an schöne Erinnerungen ans Zocken geknüpft. Andere Leute sind allerdings wesentlich später zum Game Boy gekommen und haben sich nie wirklich dafür interessiert auf dem Game Boy zu spielen, sondern haben lieber gleich Musik darauf programmiert. Wie sieht das bei dir aus?

Tronimal: Den Game Boy habe ich als Kind erlebt – und zwar volle Kanne. Meine Eltern hatten früher schon einen PC, 286er mit riesen Floppys, und mein Opa hatte einen Atari 2600. Zugriff auf Maschinen hatte ich durch die Family immer. Irgendwann kam die Diskussion für eine Konsole auf. Meine Eltern wussten um die teuren Spiele – so redeten sie mir ins Gewissen, dass ich mich gut für eine entscheiden solle. Ich musste da gar nicht lange überlegen. Dachte mir, das Ding ist tragbar – muss ich haben. Zu dem Zeitpunkt war der Game Boy in Deutschland aber noch nicht offiziell auf dem Markt. Werbung wurde allerdings schon gemacht – man wusste also, dass da was kommen würde. Dann sollte er kommen – allerdings für mich unpassend. Das Release hatte weder die Nähe zu Weihnachten, noch zu meinem Geburtstag. Ich habe dann meine Eltern richtig genervt – wollte den Game Boy haben sobald er rauskommt und nicht erst auf meinen Geburtstag warten. Und dann kam der Clou: gewohnt haben wir damals in Schwelm und da gab’s nur ein Hertie, wo ich nie drin war, und ein Kaufhof. Und mein Patenonkel kannte jemanden sehr gut der da gearbeitet hat und der rief mich dann zwei Tage vor dem Release an und meinte, dass ich den Game Boy morgen abholen könne. Ich habe dann auch viel gesammelt, immer versucht zum Geburtstag Module zu bekommen und Geld um mir neue kaufen zu können. Etwas anderes habe ich mir nicht gewünscht – es stand immer nur Game Boy auf dem Wunschzettel.

channard: Oha, das macht mir meine nächste Frage leicht: ganz schnell, drei Spiele die für dich cool sind und drei Spiele um die du einen Bogen machst.

Tronimal: Cool finde ich auf alle Fälle Balloon Kid, Speedball 2 und Dynablaster. Uncool auf alle Fälle Stargate, Fortress of Fear und hm … Pokémon – das ist nicht schlecht aber mir etwas zu langatmig. Da fehlt mir die Abwechslung. Was auch schrecklich ist, aber eines meiner Lieblingsspiele, ist Kirby Tilt ‚n‘ Tumble, das Bewegungssteuerungsspiel. Steck das mal in den Game Boy Advance SP. Der Modulslot ist ja falsch rum. Wenn du den SP nach vorne bewegst, denkt das Spiel du bewegst ihn nach hinten. Ist alles gespiegelt.

channard: Haha ok das klingt verwirrend und anstrengend. Kommen wir zur Musik. Die Chiptune-Szene ist lebendig und präsent. Allerdings nicht Mainstream. Vielen Chiptune-Artists gelingt ein regionaler Bekanntheitsgrad – doch überregional bleibt er aus. Du absolvierst ein wahnsinniges Live-Programm. Man könnte meinen, wenn du eine Tour startest, dann dauert die ein ganzes Jahr. Bei deinen Auftritten deckst du eine Menge Bundesländer ab, bist immer gut drauf, sorgst mit deiner Musik für eine coole Stimmung, du bist nah an den Menschen und schaffst es immer wieder für Chiptunes zu begeistern. Bist du missionarisch unterwegs?

Tronimal: Ne, aber mit den Nebenprojekten vielleicht. Zum Beispiel meine Aufstellung der deutschlandweiten Chipmusiker. Ich wurde auf jeden Fall schon so betitelt. Da hatte ich ein paar Workshops (Anm. LSDJ-Workshops) auf eins, zwei Wochenenden gelegt und die Liste rausgehauen und da meinte einer, ich sei wirklich missionarisch unterwegs. Also ich glaube … klar ich versuche da natürlich was zu verbreiten, aber bei diesen Projekten, also diese Liste, das Youtube-Projekt und die Workshops da geht’s ja nicht um mich. Sondern um das Gesamtkonzept.

channard: Ja aber bei Missionierungsversuchen geht es doch eigentlich in der Regel nie um den Einzelnen sondern um die Botschaft.

Tronimal: Ja das wäre dann um die Szene gehend, vielleicht. Ich versuche das natürlich alles bekannter zu machen, man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass wenn die Szene gesamt wächst, dass ich trotzdem etwas davon habe. Selbst wenn ich jemanden anderen bewerbe und der dann 1000 Leute in die Chipszene ziehen würde, dann würde wahrscheinlich auch irgendetwas auf mich zurückfallen.

channard: Kommen wir zu gleich zwei tollen Nachrichten. Deine beiden brandaktuellen Veröffentlichungen Roboter-Musik und „Hello_World!“ sind released und die ersten Exemplare, meins eingeschlossen, befinden sich schon bei den Unterstützern.

Während das Album Roboter-Musik auf einem CD-Datenträger ausgeliefert wird, hast du „Hello_World!“ kurzerhand, naja nicht wirklich kurz, auf ein Game Boy Modul gebannt. (Anm. „Hello_World!“ erscheint zwar auf Modul – ist aber kein Spiel. Sondern ebenfalls ein Musikalbum).

Wie kommt man auf die Idee ein Musikalbum auf Modul zu veröffentlichen?

Tronimal: Ja wie kommt man auf die Idee das anders zu machen. Wenn du Musik auf einer bestimmten Plattform machst – in diesem Fall eben auf dem Game Boy, wieso dann nicht auch direkt auf dem Game Boy releasen? Warum macht man eine CD oder so nen Quatsch? Natürlich ist es schwer. Ich kann jetzt nicht zu SONY gehen und sagen macht mir mal 500 Module. Die stellt halt keiner her – du musst es eben selber machen. Man lernt dabei auch eine ganze Menge. Also nicht nur programmiertechnisch. Ich habe durch das Modul-Release Techniken erfahren, die ich jetzt zum Beispiel erstmals bei LSDJ anwenden kann und die mir vorher nicht klar waren. Ich musste Umwege und neue Wege finden. Und das ist immer viel Wert. Was auch cool ist: „Hello_World!“ ist das erste Musikrelease auf gamejolt.com. Da darf man eigentlich nur Spiele hochladen – ist aber nun mal auch ein ROM.

channard: Das tolle: Roboter-Musik und „Hello_World!“ sind übrigens beinahe verschiedene Alben. Die Roboter-Musik CD beinhaltet drei Tracks des Moduls. Umgekehrt allerdings beinhaltet das Modul keine Tracks der CD. Fans und Sammler greifen also gleich zweimal zu. Obwohl, bei dem Modul wird es jetzt nicht mehr so einfach. „Hello_World!“ ist komplett ausverkauft. Wie hoch war denn die Auflage?

Tronimal: Auf die CD habe ich extra ein paar Tracks des Moduls gepackt, da es ja mehr CDs als Module gibt. Und somit haben die Leute, die kein Modul mehr bekommen haben, die Chance auch mindestens drei Tracks zu hören die vom Modul stammen. Module gab es insgesamt 100 Stück – sind bereits alle ausverkauft.

channard: Du könntest es dir ganz einfach machen und jedes neue Release auch einfach nur als Download bei Bandcamp anbieten. Aber das scheint nicht deine favorisierte Veröffentlichungspolitik zu sein: Du legst Wert auf physische Datenträger und bist bei der Auswahl derer ideenreich. Ich denke da z.B. an die SD-Speicherkarte deines Sinclair ZX Spectrum Albums und jetzt das Modul.

Tronimal: Mir ist tatsächlich hauptsächlich wichtig, dass meine Musik frei zugänglich ist. Mir ist wichtig, dass jeder an Musik kommt. Egal ob er etwas dafür zahlen kann oder will. Natürlich habe ich gerne ein echtes geiles Release was man in Händen halten kann und gerade beim Game Boy. Mir würde da nichts einfallen was geeigneter wäre als ein Modul. Zur Not hätte ich mir auch nur ein einziges Modul für mich selbst gebaut und meinem 9 jährigen Ich gesagt „guck mal“ hahah. Ganz lustig.

channard: An der „Hello_World!“ Veröffentlichung hat man gemerkt, dass wenn du sowas angehst, dann richtig. In meinem Roboter-Musik und „Hello_World!“ Päckchen habe ich ein Poster, Schlüsselanhänger, Ansteckbutton oder auch Aufkleber entdeckt. Selbst das Modul steckt in einer passenden Schutzhülle inkl. Kunststoffinlay, ein hochwertiges Cover im Format einer Spiele-OVP Vorderseite und zu guter Letzt alles perfekt geschützt durch ein Game Boy Box Protector Case.

Tronimal: Ja Game Boy Box Protector heißen die glaub ich. Gerade auf die Kunststoffinlays habe ich Wert gelegt. Ich wollte definitiv welche aus Kunststoff und nicht aus Pappe. Am Ende war es gar nicht so schwierig an die ranzukommen.

channard: Ich hatte ja jetzt das Glück dich während dem Projektverlauf begleiten zu dürfen. Wenn ich mir unsere Facebook-Chat Historie ansehe, planst du den Modul-Release seit November 2015. Bis zur tatsächlichen Veröffentlichung mussten viele verschiedene Hürden genommen werden. Was waren denn die kniffligsten Herausforderungen die es zu meistern galt?

Tronimal: November 2015 – war das die 32 kB Zeit?

channard: Ja richtig.

Tronimal: Ah ja, ich wollte ja am Anfang kleine 32 kB Cartridges verwenden. Das Problem: der Code darf maximal aus 8.000 Zeichen bestehen – dann ist die Cartridge voll. Alleine der Player, also das Abspielprogramm verbraucht die Hälfte des Speichers. Dann hätten noch zwei Songs draufgepasst mit denen ich zufrieden gewesen wäre. Zwei Tracks sind für den Preis der Cartridge natürlich recht wenig. Ich bin dann auf andere Cartridge-Typen umgestiegen die MBC5 (Memory Bank Controller) unterstützen und bis 1 Mbit Speicher besitzen. Die sogenannten El Cheapos von Benn Venn (nicht die SD Variante).

channard: Es ist ein kompliziertes Projekt, da gibt’s Unwägbarkeiten die man kalkulieren kann, von anderen wird man überrascht. Da muss man eine Lösung finden. Ich meine, der Weg ist das Ziel. Die Cartridge-Problematik war aber nicht die Einzige. Ich habe mir noch mindestens zwei weitere Punkte vermerkt. Stichwort Kickstarter-Kampagne.

Tronimal: Ja den Kickstarter habe ich selbst beendet. Ich habe mich einfach dagegen entschieden. Es ist bei Kickstarter leider so, dass man als Kunde nur per Kreditkarte bestellen kann. In Amerika sind Kreditkarten weit verbreitet – hier favorisieren die Leute aber eher PayPal oder möchten einfach nur regulär überweisen. Ich habe mir gedacht, wenn ich jetzt auf Kickstarter gehe, dann werde ich kaum Kunden haben, die aus meinem Fankreis stammen. Und das ist sch….ade.

channard: Kommen wir von Kickstarter zu Nintendo. Da gab es ja Diskussionsbedarf zu Grafiken und dem Flyerdesign. Gerade die gewerbliche Nutzung ist hier abgelehnt worden.

Tronimal: Eine private Nutzung wäre allerdings kein Problem gewesen. Eigentlich wollte ich ja alles faken. Den silbernen Game Boy Streifen auf der OVP, ursprünglich eine Flyerbeilage und nicht dieses Kärtchen. Es gibt Möglichkeiten Grafiken zu verwenden wenn diese weit genug abgewandelt sind. Doch wer bestimmt was weit genug abgewandelt ist? Ich habe diesbezüglich auch mit Barto und dem Return-Magazin gesprochen. Man kann hier einfach nicht klar genug trennen. Ob ein Werk weit genug abgewandelt ist bestimmt zum Schluss der Anwalt der mehr Geld bekommt. Auf sowas kann ich mich natürlich nicht einlassen. So habe ich für das Modul zum Beispiel auch keine alten aufbereiteten Original-Cartridgehüllen genutzt, dann da steht ja auch Nintendo Game Boy drauf.

channard: Du bist oft unterwegs und bringst deine Chiptunes unters Volk. Dabei beschränkst du dich nicht auf typische Chiptune Events, sondern spielst überall dort wo es Schnittmengen zum Game Boy gibt. Zum Beispiel auf Retro Börsen, Conventions wie der NCon oder auch auf der Gamescom. Dass der Spaß dabei nicht zu kurz kommt, konnte man an den letzten Auftritten in Köln und München erkennen als du und einige Leute im Hintergrund Tiermasken getragen habt.

Das die Resonanz des Publikums während des Auftritts richtig abgeht, kann ich mir gut vorstellen. Aber wie sieht es vor und vor allem nach dem Auftritt aus? Gibt es da Interessenten die mehr wissen wollen? Zum Beispiel wie das funktioniert – das Musikmachen auf dem Game Boy?

Tronimal: Es gibt natürlich bei den Events Unterschiede. Aber die größten Unterschiede liegen darin was ich nach einem Event leisten kann. Wenn ich auf einer Börse draußen stehe, kann ich eigentlich mit den Leuten noch sprechen. Auf einem Konzert wie zuletzt in München ist das schwierig wenn nach meinem Auftritt direkt die nächste Band kommt oder wenn ich nach meinem Auftritt den nächsten Termin habe und fünf Minuten später woanders sein muss. Es sind immer Leute da die Interesse zeigen – nur kann ich es nicht immer leisten.

channard: Deine Auftritte organisierst du ja völlig unabhängig von einem Auto. Das heißt, dein komplettes Equipment transportierst du direkt bei dir am Mann via Bahn oder Bus. Kannst du kurz beschreiben, was du an Equipment auf alle Fälle immer dabei hast?

Tronimal: Das kommt drauf an ob ich einen Street-Gig spiele oder ein Konzert drinnen. Ich sag’s ganz kurz: beim Street-Gig kommt der Verstärker und der Tisch dazu. Das blöde an dem Tisch ist, dass du mit dem nicht oder kaum durch Bahngänge kommst. Das ist ein Guitar Hero Renegade Tisch. Ich habe mein Equipment ja immer auf meinem Wagen. Ansonsten drei, vier Game Boys, die Module, Mischpult, Batterien ohne Ende – das ist ganz wichtig. Das darf man nicht vergessen. Diverse Kabel, Adapter und Linkkabel zum Beispiel auch.

channard: Okaaaay. Das war die letzte Frage. Hat wirklich Laune gemacht das Interview und ich hoffe, dass die Leserinnen und Leser beim Lesen genauso viel Spaß haben wie wir beim Reden. Dann sage ich mal danke und bis spätestens zur 1. Retro Handheld Convention im Oktober in Köln.

Tronimal ist hier zu erreichen:

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